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Hässlich, dreckig, Te-Damm?

in Berlin/Porträt/Reportage

3.500 Meter, die die meisten Berliner nur vom Vorbeifahren, vom Weitergehen, vom Schnell-weg-hier kennen: Die einen flitzen tagtäglich über den Tempelhofer Damm, um zur Autobahn zu kommen. Andere kennen nicht viel mehr von ihm als den einen Ampelübergang, der den S+U-Bahnhof mit dem Tempelhofer Feld verbindet.

Der Tempelhofer Damm ist für viele in Berlin der Prototyp einer nicht gerade schön anzusehenden Durchgangsstraße. Das stimmt aber nicht ganz – denn es lohnt sich, auch mal anzuhalten. Vier Stopps auf und neben dem Te-Damm zeigen seine Grün- und Grautöne.

 


Fast unberührtes Wohnsiedlungsidyll.

Mit einem Bofrost-Prospekt in der Hand führt Veronika Winzer ihre Golden-Retriever-Hündin Gassi. Seit sechzig Jahren wohnt sie im Peter-Strasser-Weg – einer der Seitenstraßen des Tempelhofer Damms, die zusammen die ruhige Wohnsiedlung Neu-Tempelhof bilden. Gerade mal fünzig Meter von der Hauptstraße entfernt, auf Höhe vom U-Bahnhof Paradestraße, ist kaum ein Mucks von brummenden Autos und LKWs zu hören.

Seit sechzig Jahren wohnt Veronika Winzer in Neu-Tempelhof. Ihr Lieblingsort ist der Rosengarten.

Nur selten geht Veronika Winzer auf die andere Straßenseite. Das ist ihr wegen der vielen Raser zu gefährlich. Auch das Tempelhofer Feld kann sie und ihre vierbeinige Begleiterin nicht locken: „Ein Mal war ich mit der Hündin auf dem Tempelhofer Feld – aber das war ihr zu langweilig.“ Sie geht lieber in den Grunewald ans Wasser.

Veronika Winzer hat Berliner Stadtgeschichte mit eigenen Augen miterlebt: Als im Kalten Krieg amerikanische Panzer Richtung Checkpoint Charlie rollten, haben bei ihr zu Hause die Wände gewackelt. Inzwischen fühlt sie sich fremd in Neu-Tempelhof, der ruhigen Wohnsiedlungsidylle gleich neben dem Te-Damm. „Die Bevölkerung wird ausgetauscht“, sagt sie mit einem Stirnrunzeln.

Tunnelblick von Neu-Tempelhof Richtung Tempelhofer Feld.

Mit den jungen Leuten, die jetzt herziehen, hat sie kaum zu tun. Man grüßt sich, aber mehr nicht. Und auch auf den Hund werde kaum Rücksicht genommen. Leider seien auch die letzten Einkaufsläden weg, es gebe keine Bank mehr: „Das ist hier wie auf dem Land“, sagteVeronika Winzer.

„Die Preise hier sind ins Astronomische gestiegen“, erzählt sie. Grundstücke, die früher 120.000 Euro gekostet hätten, lägen jetzt bei bis zu 700.000 Euro. Sie hat Angst vor dem Moment, wenn der Te-Damm saniert wird: „Dann gibt es hier überall Stau, und die Autofahrer werden unsere Seitenstraßen nehmen.“ Auch die Parkplätze der Anwohner könnten dann geklaut werden.

Im Jahr 2020 soll es soweit sein: Dann werden die dreieinhalb Kilometer zwischen dem Platz der Luftbrücke und der Ullsteinstraße zur Großbaustelle. Lieber noch nicht dran denken, meint Veronika Winzer. Auf ihrem Spaziergang mit dem Hund ist sie an ihren Lieblingsort angekommen: „Das hier ist unser Rosengarten, den nennen wir hier so“, sagt sie. Dann geht sie mit Bofrost-Prospekt und Golden-Retriever ruhigen Schrittes nach Hause.

 


Tempelhofer Heimatliebe im türkischen Supermarkt.

Frau Yildiz kramt eine Zigarettenschachtel aus der Jacke. „Warum ich den Te-Damm schön finde“, überlegt sie angestrengt. Als geborene Tempelhoferin müsste sie das doch eigentlich wissen. Trotzdem kann sich die Inhaberin vom Yildiz-Market, ein paar Schritte vom Bahnhof Tempelhof entfernt, gerade mal zu einem Kompromiss hinreißen: „Tempelhof ist nicht so wild wie Kreuzberg, aber auch nicht so spießig wie Steglitz.“

Der Yildiz-Market: „Tempelhof ist nicht so wild wie Kreuzberg, aber auch nicht so spießig wie Steglitz.“

Klingt jetzt nicht wirklich nach einem Kompliment, eher wie: Tempelhof ist weder Fisch noch Fleisch. „Nein, so ist es nicht gemeint!“, verteidigt sich Frau Yildiz. „Tempelhof ist für mich Heimat, ich gehe hier nicht mehr weg.“ Aber die genaue Beschreibung fällt ihr schwer.

Das Geschäft geht gut, sagt sie. „In unserem Laden kaufen alle ein – alle Schichten, alle Kulturen.“ Der Vorbesitzer hatte den Laden schon aufgegeben, als ihre Familie den Supermarkt übernahm. Mit einem neuen Sortiment hat sie viele neue Stammkunden gewonnen. Weil sie hier geborden wurde, kennt Frau Yildiz so gut wie alle in der Gegend.

Was ihr allerdings Sorge macht, ist die Kriminalität. „Nach neun Uhr lasse ich meine Töchter nicht mehr allein auf dem Tempelhofer Damm rumlaufen. Wenn die jemand in den Alten Park – gegenüber vom Rathaus – zieht, dann kriegt es keiner mit.“ Und dann ringt sie sich doch noch durch, Tempelhof mit ein paar Worten auf den Punkt zu bringen: „Bürgerlich, aber nicht langweilig. Ja, so kann man es sagen.“

 


Hippes Wollgeschäft in der Laufkundschafts-Todeszone.

Zwielichtigen Gestalten nach Sonnenuntergang versucht auch Christina Ebeling aus dem Weg zu gehen. Nach Tempelhof zu ziehen, das sei für sie keine Option: „Ich will mich schließlich nicht abends von irgendwelchen Clan-Mitgliedern anmachen lassen.“

Christina Ebeling bei ihrer Lieblingsbeschäftigung.

Am U-Bahnhof Kaiserin-Augusta-Straße hat sich Christina Ebeling ein flauschiges, farbenfrohes Refugium errichtet. Ihre „Wolleria“ würde auf den ersten Blick vielleicht besser nach Kreuzberg oder Prenzlauer Berg passen, wo handgemachte Klamotten bei vielen jungen Leuten wieder zum guten Ton gehören.

Die sorgsam geordneten Wollknäuel hätten eine beruhigende Wirkung auf ihre Kunden, sagt Christina Ebeling – spätestens, wenn man die weiche Wolle mit den Händen anfasse.

Muss man erstmal finden: Die „Wolleria“, versteckt im Subparterre.

Ganz rosig läuft das Geschäft aber nicht, gibt sie zu. Das könnte daran liegen, dass man ihren Wollladen erstmal finden muss: Er liegt zwar nur zwanzig Meter vom Te-Damm entfernt, an einem der U-Bahn-Ausgänge – aber doch etwas versteckt im Subparterre.

„Der Einzelhandel hat es schwer am Tempelhofer Damm“, meint Christina Ebeling, denn Laufkundschaft gebe es nicht viel. Vielleicht könnte die „Wolleria“ mehr rausholen, wenn sie zusätzlich auf Onlinehandel setzen würde? „Das ist mir zu aufwendig, mit der ganzen Vorratshaltung und dem Versand“, sagt Ebeling.

Sie verlässt sich auf ihre Stammkunden. Die seien bunt gemischt: von wollbegeisterten Teenagern über klassische Strickmuttis bis zu Männern, die Geschenke kaufen wollen. Wolle ist für alle da, sozusagen.

 


Traditions-Buchhandlung, Rußschicht garantiert.

„Wenn wir abends die Bücher reinholen, müssen wir erstmal mit einem Tuch darüberwischen“, grinst Paul Nottmeyer. Der Buchhändler deutet zwischen Daumen und Zeigefinger ein paar Millimeter Straßendreck an: „Jeden Abend ist auf den Büchern so eine Schicht Ruß drauf.“

Buchhändler Paul Nottmeyer: „Wenn wir abends die Bücher reinholen, müssen wir erstmal mit einem Tuch drüberwischen.“

Die Lage direkt an der Hauptstraße stört die langjährigen Kunden der Buchhandlung Menger kaum. Sie schätzen das 1947 gegründete Geschäft, das über die Jahre zu einer Institution auf dem Te-Damm geworden ist. Ganz Berlin scheint von Hugendubel und Thalia besetzt – aber dieser kleine Laden hält sich wacker.

„Man muss zugeben, der Te-Damm ist nicht schön anzusehen, aber ich mag ihn trotzdem“, sagt Paul Nottmeyer. Nach Feierabend ist er oft auf dem Tempelhofer Feld und trifft sich mit Freunden. „Und wo kann man schon noch so günstig wohnen wie hier?“ Der Buchhändler überlegt kurz und lacht: „Aber manche Leute sind schon echt seltsam hier.“

 


Alles so schön grüngrau hier, am Te-Damm.

Das hebt den Tempelhofer Damm wohl kaum vom Rest Berlins ab. Allenfalls, wie Natur und Beton auf der Durchgangsstraße zusammenprallen, stößt stärker ins Auge als in anderen Ecken der Stadt.

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